Du hast eben keine Phantasie, sagt meine Freundin, und wir liegen gelangweilt auf der Küchencouch in irgend so einem verdammten Sommerloch und meine Erektion ist auch nicht mehr das, was sie mal war, und meine Freundin heißt Natascha-Lou Salomé und will später mal Psychologie studieren oder so, um die Dinge alle besser zu verstehen irgendwann mit mir, macht aber gerade lieber doch erstmal ein Praktikum bei so einer Castingshow für diesen Unterschichtensender, wie heißt er doch gleich? Privatfernsehhölle, sage ich immer.
Ist immer noch besser als das mit dir hier gerade, murmelst du in der Zwischenzeit, garantiert, aber ich glaube das nicht, und das werden wir ja sehen, ruft Natascha-Lou also, und schleift mich gleich mit zu dieser Castingshow in irgend so ein Kochstudio eines Privatsenders oder träume ich das alles nur, und ich kriege ein Namensschild an die Brust geklemmt und darf keinen beim Namen nennen hier, und es ist Sommer, tiefer hitzetriefender Apathisten-Sommer, und also fällt auch niemandem noch irgendwas ein in diesem Scheiß-Studio gerade, und der Produzent brüllt rum wie Sau wegen der abschmierenden Einschaltquoten, und die Praktikantinnen sollen sich mal gefälligst Gedanken machen, wenn sie nicht rausfliegen wollen, und sich ein neues Format ausdenken meinetwegen, will ja keiner mehr mitmachen, diese ewigen Castingshows, weil alle im Urlaub sind vielleicht, und wie wäre es mit einer chinesischen Koch-Sex-Trash-Glibbershow? ruft Natascha-Lou plötzlich neben mir wie in Trance, und der Produzent kreischt: Ja, genau, das machen wir! Und sie brauchen als erstes ein Zuschauerteam, und weil sich keine männlichen Freiwilligen melden für die Sache, stößt Natascha-Lou mirin die Rippen, dass mir die Luft wegbleibt und reißt gleichzeitig meinen linken Arm hoch, dass ich das Sommerloch schon füllen würde, obwohl ich ja so verhungert aussähe und auch nicht wirklich viel Phantasie hätte, aber dafür würds schon reichen, und ich kriege keinen Ton raus aus mir immer noch nicht, weil die Luft immer noch weg ist irgendwie, und der Produzent schiebt mich schon mal zwischen zwei leicht fettleibige ältere Hobbyköchinnen aus der abgestiegenen früheren Mittelschicht, mit denen ich von nun an ein Team bilde und die Beate Brockelmeyer aus Bottrop und Elvira Patschinski aus Paderborn heißen und deshalb auch beide irgendwie genauso aussehen, und ich müsste eigentlich erstmal zunehmen, aspiriert die Moderatorin, die jetzt Natascha-Lou ist natürlich wer sonst? vor schon laufenden Kameras lächelnd ins Mikrofon und hat die ersten Lacher auf ihrer Seite, und auch meine beiden Mitstreiterinnen kichern ein bisschen und Natascha-Lou fragt mich jetzt, was mein Lieblingsgericht sei, aber dass sie es eigentlich gar nicht so genau wissen wolle, und schon soll ich zusammen mit den zwei dicken Hobbyköchinnen Beate und Elvira gegen so drei Privatfernsehprominente antreten, die ebenfalls alle drei irgendwie genauso aussehen wie Elke und Elvira, obwohl einer von ihnen ein Mann ist. Und Natascha-Lou kreischt unter dem Jubel des Studiopublikums voll laut die Namen von diesen drei bekackten Privatfernsehpromis. Kenn ich aber keinen von denen, nie gehört nicht, obwohl meine ganze Verwandtschaft die vermutlich kennt und auch meine Kinder bestimmt und Elke Brockelmeyer und Elvira Patschinski sowieso, wie die jetzt alle klatschen jedenfalls. Wofür die prominent sind, krieg ich aber die ganze Show über nicht raus, sagt mir ja keiner wie immer nicht, was los ist, vielleicht für irgendwelche überdimensionalen Titten oder Schwänze, denke ich, oder träume ich das nur, von wegen, dass ich da keine Phantasie hätte und so, was das Privatfernsehen angeht, aber schon sagt die Moderatorin, also Natascha-Lou jetzt wieder, allen Ernstes, dass das Besondere an dieser Kochshow sei dass hier alle Oben ohne antreten, und unten rum auch nur mit n bisschen was an, also genauer gesagt sind nur Tanga erlaubt ach so, das wusste Elke noch nicht und ob dass überhaupt natürlich klar, klar! Ist ja Sommerloch, und wegen der Einschaltquoten, hm, und nickt und die drei dicken Prominenten nicken natürlich schon lange und ziehen sich auch schon aus und sabbern dabei wie kopulierende Flusspferde. Und schon stehe ich also mit nichts als einem Tanga und einem 30 cm langen Solinger Edelstahlmesser bedeckt an dem gläsernen Tranchiertisch von diesem Scheiß-Fernsehkochstudio, während Natascha-Lou aus dem Off moderiert, heute sei so ein echt scharfes chinesisches Wettkochen angesagt, und jetzt wird auch wirklich ein halbnackter chinesischer Spitzenkoch, mit der Figur eines Sumo-Ringers, durch einem mittelgroßen Kran auf die Bühne gehievt. Und irgendwelche ebenfalls halbnackten Fernseh-Praktikantinnen schleppen die verschiedensten Nachmittagskadaver herbei und legen sie vor uns auf den Seziertisch: irgendwelche herumstreunenden Katzen und Hunde natürlich, die sie gerade draußen in der alten verfallenen Industriebrache gleich neben dem Produktionsstudio eingefangen haben oder aus dem Tierheim bestellt, irgendeiner muss es ja tun, und die leben natürlich noch, sieht man gleich, sind nur viehisch gefesselt und schauen so irre ins grelle Scheinwerferlicht und zucken vor Angst und die erste Aufgabe von Elke, Elvira und mir ist es, drei von den zuckenden Dingern erstmal voll solingermäßig ruhigzustellen, das Lebenslicht rauszuschneiden, mit Edelstahl abzuservieren sozusagen das Ganze erst und dann Serviervorschläge zu machen später, enthäuten, tranchieren und so weiter, Phantasie sei gefragt. Und die Prominenten aus dem Privatfernsehen, sind schon kräftig dabei, in den Eingeweiden rumzuwühlen von ihren Viechern, obwohl die noch leben, nicht ganz fachgerecht vielleicht, und die quieken wie Sau, und ich kotze erstmal in so eine Studioecke, wird nachher weggeschnitten sowieso aus der Sendung, flüstert Natascha-Lou beruhigend, aber die Kotze soll ich selber wegwischen gefälligst nachher, sabbert der Produzent, mein Gott, wir haben gerade kein Budget mehr für Reinigungskräfte sind so schwer zu kriegen heutzutage im Sommer jedenfalls und kurz vor der Bundestagswahl sowieso, Arbeit muss sich wieder lohnen, und ich glaube an diesen Augenblick oder mein Vorstellungsvermögen ist doch irgendwie beschränkt, wie das von Guido Westerwelle, diese Sprüche immer, das kann doch alles nicht wahr sein oder doch, und ich wische meine Kotze also allein auf, aber ich liebe dich doch, flüstere ich dabei zu Natascha-Lou rüber, die da in ihrem schicken verfickten Moderatorinnenkostüm rumsteht und in die Kamera labert und warum tust du mir das an? es ist Sommerloch flüsterst du zurück, als die Kamera wegschwenkt für drei Sekunden und Sex kommt später vielleicht, und ich will nicht abrutschen in deiner Einschaltquote/Wählergunst und mache im Prinzip alles, was du willst jetzt in meiner Phantasie wenigstens oder in deiner, was ist das bloß für eine Geschichte?! und ich merke plötzlich, wie die Figurenmotivation etwas darunter zu leiden beginnt, was ich hier sage oder vor mich hin erzähle, aber das kommt davon, dass ich immer noch so hilflos an dieser Fleischtheke oder Schlachtbank hier rumstehe vermutlich halbnackt mit irgendwelchen allegorischen Tieren Vivisektionen durchführe, Exekutionen und Rezepte ausprobieren muss, wie als ob ich in einem Bild von Neo Rauch wäre plötzlich, und es ist vielleicht gar kein Solinger Edelstahl sondern nur so n altes stalinistisches Ostmesser, aber das mit dem Totschneiden geht trotzdem ziemlich gut, und das Blut spritzt auch echt wie in so nem Film, ist ja wie bei einer Kochshow hier schreie ich ins Westfernsehen, oder du flüsterst plötzlich: eigentlich drehen die hier gerade einen Kriminalfilm, und der handelt von sexuellen Extremsituationen, geheimen Ritualen unter der Erde, und ich soll doch mal einem toten Dachhasen die Bilder erklären von Neo Rauch persönlich, ist ja Sommerloch und da geht das mal, weil Fernsehen hat auch nur eine Kulturauftrag, und irgendwie fehlt noch ein bisschen Salz an dem Katzenbraten hier, sagt Elvira Patschinski jetzt neben mir oder aber meine nächste Aufgabe ist irgendwas ganz Anderes, was mit Sperma zum Beispiel flüsterst du, Natascha-Lou, oder dieser Produzent verdammt, träume ich oder auch nicht immer dasselbe. Und wir müssen jetzt nach Nachterstedt fahren plötzlich aus irgendeinem Grund, und ich solle dort mal weiter das Sommerloch füllen mit mir oder so, und wir fahren da also ein in diesen alten Salzstollen samt Kamerateam 300 Meter steil ab in die Tiefe und die alten verschütteten Kalikumpel von früher stehen da auch noch rum als Mumien neben mir plötzlich und gemeinsam sollen wir jetzt die Hohlräume verfüllen, sagt Natascha-Lou, damit hier nicht noch mal so was abrutscht, die alten Spermalagerstätten unter der Erde wieder auffüllen nach Jahrhunderten vor laufender Kamera live, denke ich, abgebaut haben die das doch auch alleine ohne mich, aber davon wollen wir nicht reden, flüsterst du oder auch nicht oder als ob das jetzt eine Antwort wäre zum Beispiel ein für alle mal auf die Endlagerfrage für radioaktiven Abfälle oder die Entgrenzung der Kunst. Und der Weltfrieden hängt jetzt vielleicht auch noch von mir ab, wie viel Hohlraum ich hier zuspritze bitte schön?! frage ich, sagst du, und was ich immer so für Phantasien hätte, mein Samen bis er schwarz wird oder schwarz-gelb sind ja bald Wahlen wie gesagt, obwohl eben noch Sommerloch war. Und dann habe ich genau in diesem Moment plötzlich EUCH vor mir gesehen, wie IHR hier gerade so da sitzt und EUCH wundert, dass IHR da auch jetzt noch alle drin vorkommt in dieser Geschichte hier und schon Angst habt, dass IHR da irgendwas tun sollt da drin, irgendwelche Katzen tranchieren zum Beispiel nur mit Tangas bekleidet oder zur Wahl gehen, und danach werden wir die Gesellschaft ändern und das Privatfernsehen abschaffen oder zumindest diese Casting- oder Kochshows immer, ich weiß es doch auch nicht, wie das noch werden soll. Nachterstedt wäre vielleicht doch die Lösung gewesen für alles oder was ist die verdammte Botschaft dieses Sommers. Mehr Phantasie bitte?!




